In der Gießerei der SHW Brake Systems GmbH herrschen hohe Temperaturen, laute Maschinen und ein Arbeitsumfeld, das seit Jahrhunderten zum industriellen Alltag gehört. Das Unternehmen, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1365 zurückreichen, zählt zu den ältesten Industriebetrieben Deutschlands. Trotz der langen Tradition steht auch SHW vor deutlichen Veränderungen in der Automobilwirtschaft. Bei einem Unternehmensbesuch informierte sich die SPD‑Europaabgeordnete Vivien Costanzo über die aktuelle Lage der Branche. Der Termin wurde durch das von der Industrie- und Handelskammer initiierte AuToS‑Netzwerk organisiert, das regionale Zulieferbetriebe in Transformationsprozessen unterstützt. An dem Gespräch nahmen außerdem die SPD‑Landtagskandidatin Christine Treublut, Geschäftsführer Michael Steppuhn, Gießereileiter Erdal Abinik, Personalleiter Markus Hefft sowie die IHK‑Vertreter Martin Schmidt und Laura Csulits teil.
Ein Schwerpunkt des Austauschs waren die Auswirkungen der geplanten Euro‑7‑Norm. Die neuen Vorgaben verlangen eine deutliche Reduktion von Fahrzeuggewicht, Bremsabrieb und weiteren Emissionen. SHW ist in der Lage jährlich rund vier Millionen Bremsscheiben zu gießen, konjunkturbedingt jedoch nur etwa 3,2 Millionen aufgrund der schwächeren Marktnachfrage. Nach Unternehmensangaben sind die technischen Anforderungen der neuen Norm grundsätzlich erfüllbar. Die notwendigen Entwicklungs- und Investitionskosten müssten jedoch vollständig vom Zulieferer getragen werden. Anders als früher übernehmen die großen Automobilhersteller heute kaum noch entsprechende Vorleistungen. Steppuhn verweist darauf, dass dadurch Mittel gebunden seien, die beispielsweise für Effizienzsteigerungen benötigt würden. „Wenn wir gleichzeitig strenger werdende Vorgaben erfüllen und allein finanzieren müssen, bleiben notwendige Effizienzmaßnahmen auf der Strecke. Diese Schere wird für viele Zulieferer zum Risiko“, betonte der Geschäftsführer.
SHW Brake Systems GmbH beschäftigt rund 600 Mitarbeitende, davon 200 in der Tochtergießerei am Standort Tuttlingen, und erbringt die gesamte Wertschöpfung im Haus, einschließlich der Wiederverwertung von Schrotteilen. Trotz dieser Struktur sieht sich das Unternehmen mit einer hohen Planungsunsicherheit konfrontiert. Entscheidungen der OEMs seien schwer vorhersehbar, was unmittelbare Auswirkungen auf Investitionen und Produktionsplanung habe.
Costanzo, Mitglied im Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments, erläuterte, dass mehrere relevante Gesetzesinitiativen derzeit geprüft oder überarbeitet werden. „Gerade in der Transformationsphase braucht die Industrie klare Signale aus Brüssel. Unser Ziel ist, anspruchsvolle Klimaschutzstandards mit verlässlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen wie SHW in Einklang zu bringen“, erklärte die Abgeordnete. Dies betreffe sowohl die Flottengrenzwerte als auch Details der Euro‑7‑Regelung. Da es auf EU‑Ebene jedoch keine festen Koalitionen gebe, seien Ergebnisse und Zeitpläne politischer Verfahren derzeit allerdings nur schwer absehbar.
Das Unternehmen wies außerdem auf eine steigende bürokratische Belastung für Gießereibetriebe hin. Dies betreffe Dokumentationspflichten und Nachweisprozesse, die zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen erforderten.
Das AuToS‑Netzwerk der IHK unterstützt Unternehmen bei der Transformation, initiiert Austauschformate und Kooperationsprojekte und greift Entwicklungen in der Automobilwirtschaft frühzeitig auf. IHK‑Projektleiter Schmidt betonte die Bedeutung regionaler Vernetzung angesichts des anhaltenden Transformationsdrucks.