Turnaround bei den Autozulieferern – Mit Rüstungskapazitäten aus der Krise?

Die Autozulieferer im Südwesten stehen unter massivem Druck. Jahrzehntelang war die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg eng mit den großen Namen der Automobilindustrie verflochten. Doch was über Jahre stabile Aufträge und Wachstum sicherte, ist ins Stocken geraten. Der schleppende Umstieg auf Elektromobilität, schrumpfende Margen und Absatzzahlen sowie eine zunehmend aggressive Einkaufspolitik der OEMs bringen viele mittelständische Betriebe in Bedrängnis.

In einer Branchenstudie des Instituts der Deutschen Wirtschaft im September für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg zu dem Ergebnis, dass die regionale Automobilwirtschaft, auch im Vergleich zu anderen Regionen, besonders stark vom Transformationsdruck betroffen ist: Der Rückgang der Produktion, die Transformation hin zu neuen Antriebstechnologien und die zunehmende Lokalisierung der Fertigung im Ausland stellen viele Zulieferer vor existenzielle Herausforderungen. Es geht längst nicht mehr darum, ob sich die Unternehmen neu ausrichten müssen, sondern welche strategischen Zukunftsfelder sie besetzen können, um langfristig wettewerbsfähig zu bleiben.

Politik lenkt Blick auf Verteidigungsindustrie

Eine mögliche Antwort zeichnet sich in Berlin ab. Im Koalitionsvertrag bekennt sich die Bundesregierung klar zu den regionalen Transformationsnetzwerken, die den Umbau industrieller Strukturen flankieren sollen. Gleichzeitig prüft der Gesetzgeber, wie freiwerdende Kapazitäten aus der Automobilindustrie in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie eingebracht werden können.

Damit erhält eine Diskussion neuen Schub, die in den Unternehmen längst geführt wird: Kann die Rüstungsindustrie, nach Jahren der Vernachlässigung durch die Politik, zu einem stabilen Standbein für mittelständische Zulieferer werden?

Während in Berlin noch über Konzepte beraten wird, geht die Region bereits erste Schritte. Das von der Industrie- und Handelskammer initiierte Transformationsnetzwerk AuToS bietet eine Reihe von Formaten an, die mittelständischen Zulieferer systematisch an die Besonderheiten der Verteidigungsindustrie heranführen. Dazu zählen Workshops zu Normen und Zertifizierungen ebenso wie Netzwerkformate mit direkten Kontakten zu potenziellen Partnern und das Initiieren konkreter Kooperationsprojekte.

„Unsere Zulieferer verfügen über Technologien, die in der Verteidigungsindustrie hochgefragt sind, beispielsweise in der Präzisionsfertigung, im Leichtbau oder in der Elektronik“, sagt Martin Schmidt, Projektleiter von AuToS bei der IHK. Die Brücke zur Rüstungsindustrie sei daher naheliegend, auch wenn der Markt nicht ohne Tücken sei. „Strenge Normen, Sicherheitsüberprüfungen und die meist deutlich geringeren Stückzahlen machen den Einstieg anspruchsvoll und längst nicht für jedes Unternehmen interessant.“


Auch Marco Rees, Junior-Chef der Rees Zerspanungstechnik GmbH, beobachtet die Entwicklung mit Interesse. Sein Unternehmen ist seit rund 70 Jahren in der Automobilbranche verwurzelt, doch der Transformationsdruck macht auch vor Traditionsbetrieben nicht halt. Rees sieht in der Verteidigungsindustrie eine potenzielle Perspektive für spezialisierte Zulieferer: „Rüstung ist kein Massengeschäft, sondern lebt von Präzision und Qualität – darin liegt die Chance für Zulieferer. In dieser Branche ist Durchhaltevermögen gefragt, denn von der Anfrage bis zur Realisierung sind Projektlaufzeiten von 5 bis 10 Jahren keine Seltenheit.“ Für ihn ist dennoch klar: Wer die nötige Ausdauer mitbringt und technologische Exzellenz bietet, kann sich in diesem anspruchsvollen Markt behaupten.

Chancen – und offene Fragen

Der Schritt in die Verteidigungsindustrie ist nicht unumstritten. Kritiker warnen, dass ein politisch sensibler Markt keine einfache Lösung für die strukturellen Probleme der Branche sein kann. Dennoch: Für einige Betriebe kann er zur echten Wachstumschance werden.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Chance einen echten Turnaround bewirken kann. Mit über 25.000 Arbeitsplätzen in der Automobilwirtschaft zählt die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg zu den Top-100-Standorten Deutschlands. Ohne entschiedene Anpassungen der Zulieferer bestehe die Gefahr, dass dieser Status in nächsten Jahren verloren geht.

Ein Einstieg in die Rüstungsindustrie ist für Automobilzulieferer oft sehr interessant. Quelle: Adobe Stock

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